Kirche für Elisabeth von Thüringen

Die heilige Elisabeth in Marburg

Schon bei der Anreise kann man die beiden markanten Kirchtürme sehen, wenn man sich Marburg nähert. Am Fuße der Altstadt liegt die Elisabethkirche. Sie wurde vom seinerzeit mächtigen und reichen Deutschen Orden im 13. Jahrhundert gebaut und als Ordenskirche ursprünglich der Jungfrau Maria geweiht. Die Bauzeit liegt zwischen 1235 (Baubeginn) und 1283 (Weihe). Die beiden mächtigen, 80 Meter hohen Türme benötigten bis zu ihrer Vollendung noch weitere 50 Jahre. Von Anfang an bestand die Absicht, mit der Erbauung der Kriche die 1235 heilig gesprochene Elisabeth von Thüringen zu ehren. Dies geschah unter maßgeblicher Förderung der Landgrafen von Thüringen. Das Bauwerk wurde als sogenannte Hallenkirche über dem Grabmal der heiligen Elisabeth von Thüringen errichtet und wurde damit zu einem bedeutenden Wallfahrtsort im Mittelalter. Besonders ist auch, dass die Kirche kunsthistorisch eine besondere Bedeutung hat, denn sie ist die erste, rein gotische Hallenkirche auf deutschem Boden. Bei einem Bildersturm im Jahr 1619 wurden die ursprünglichen Wandmalerein im Inneren leider zerstört und sind damit verloren gegangen.
In der Kirche befindet sich ein aus Sandstein gefertigter, gotischer Hochaltar, der aus dem Jahr 1290 stammt. Zahlreiche romanische und gotische Buntglasfenster zieren das Bauwerk und sind besonders beeindruckend. In dem sogenannten Elisabethfenster sind wichtige Stationen ihres Lebens dargestellt. In der Kirche sind spannungsvoll die Architekturepochen der Früh- und Hochgotik erlebbar. Das drückt sich gut aus in dem Verhältnis zwischen Kirche und Hochaltar.
Im Nordchor befindet sich die Grabstätte der heiligen Elisabeth. Nach ihrer Heiligsprechung wurden die Gebeine entnommen und in einem extra dafür angefertigten Schrein gebettet. Dieser stellt eine kunsthandwerkliche Kostbarkeit dar und kann in der Sakristei der Kirche betrachtet werden. Mit der Reformation sind die Gebeine allerdings entfernt worden.
Bis zur Reformation wurden die Landgrafen in der Elisabethkirche bestattet. Deren Grabmäler befinden sich im südlichen Chor, dem „Landgrafenchor“ und können dort besichtigt werden. Die Gebeine selbst befinden sich in den Fundamenten unter dem Chor. Alle dort bestatteten Menschen sind direkte Nachfolger der heiligen Elisabeth.
Im Nordturm befindet sich das Grab des früheren Reichspräsidenten Paul von Hindenburg und seiner Ehefrau. Um zu verhindern, dass die Leichen in der ursprünglichen Ruhestätte im Tannenberg-Denkmal in Ostpreussen der Roten Armee in die Hände fallen, wurden die Särge in letzter Minute am 12. Januar 1945 in das Deutsche Reich nach Tühringen gebracht. Dort wurden sie durch Einheiten der US-Armee in einem Salzberkwerk entdeckt und nach Marburg überführt und schließlich in der Elisabethkirche beigesetzt.
Doch wer war die Frau, welche dieser Kirche ihren Namen gegeben hat?
Elisabeth von Tühringen, die heilige Elisabeth, ist eine Heilige der katholischen Kirche und gleichzeitig ist sie Landespatronin von Thüringen und Hessen. Sie ist die Tochter des ungarischen Königs Andreas II und wurde am 07. Juli 1207 in Ungarn geboren. Aus machtpolitischen Kalkül, ein für die damalige Zeit üblicher Vorgang des Adels, ohne Krieg führen zu müssen, den Einflussbereich zu erweitern, schon während ihrer Kindheit dem ältesten Sohn des Landgrafen Hermann von Thüringen versprochen. Sie heiratete 1221 in Eisenach Ludwig von Thüringen. Die Ehe war, so berichtet man, glücklich. Er unterstützte auch ihre aktive Hilfe für kranke und bedürftige Menschen und sie schenkte ihm 3 Kinder.
Elisabeth wandte sich zunehmend im Sinne der gegen Ende des 12. Jahrhunderts in Europa sich ausbreitenden, religiösen Armutsbewegung den hilfsbedürftigen Menschen in ihrem Land zu. Dies verstärkte sich, als Ludwig von Thürigen 1227 am Fünften Kreuzzug von Kaiser Friedrich II. teilnahm und mit umfangreichen Gefolge in das heilige Land aufbrach. Am 12. September 1227 starb Ludwig an einer Infektion in Ortranto. Der weltliche Priester Konrad von Marburg war von Ludwig vor seinem Aufbruch Richtung Jerusalem zum Beichtvater Elisabeths ernannt worden und wurde zusätzlich während der Abwesenheit Konrads zum Vormund Elisabeths. Dazu legte sie in der Eisenacher Katharinenkirche ein zweifaches Gelübte im Beisein ihres Ehemannes und Konrad ab. Nach dem Tode Ludwigs, welcher von der Familienmitgliedern in Eisenach gegenüber Elisabeth eine zeitlang verschwiegen wurde, brachen schwelende Konflikte mit ihrer Verwandschaft, den Hofbeamten und Vertretern des heimischen Adels aus, die Konrad aus machtpolitischen Kalkül für sich ausnutzte. Beonders schwer wog hier der Zugang Konrads über Elisabeth zu dem noch minderjährigen Nachfolger Ludwigs, seinem erstgeborenen Sohn Hermann. Dieser war zum Todeszeitpunkt des Vaters erst fünf Jahre alt.

Kathedrale
Die Elisabethkriche mit Nord- und Südturm. Ansicht von Südwesten

Der jüngere Bruder Ludwigs, Heinrich Raspe, erkärte Elisabeth aus Sorge vor dem Einfluss Konrads kurzerhand für nicht zurechnungsfähig und übernahm in Vertretung des minderjährigen Landgrafen Hermann die Regentschaft. Umgehend entzog er der Witwe die Verfügungsgewalt über ihr Witwengut. Damit wurde sie aufgrund ihrer Gelübte, die Elisabeth gegenüber Konrad geleistet hatte quasi über Nacht Mittel- und Obdachlos. Denn sie standen im Konflikt mit dem ihr von der Verwandschaft noch weiterhin zugestandenen Wohnrecht und der Teilnahme an der landgräflichen Tafel. Die meisten ihrer Zeitgenossen reagierten mit Unverständnis auf diese Situation der plötzlichen Verarmung. Doch der Adel in Eisenach, wie auch die wohlhabenden Bürger, wagten es nicht, Elisabeth zu unterstützen. Nur mit Mühe hielt sie sich, auf die Hilfe Fremder bedingungslos angewiesen, über Wasser. Mit der Zeit kippte aber die Stimmung in der Bevölkerung gegen Elisabeth, die nämlich froh darüber war, in Armut leben zu können, denn dies entsprach dem Ideal, welches sie anstrebte. Doch da sie nun nicht mehr die Bevölkerung untertüzten konnte, da sie ja der Verfügungsgewalt über die Ländereien und Einkünfte beraubt war, die es ihr zu früherer Zeit gestatteten, die Armen und Hilfsbedürftigen zu unterstützen, wandten sich sogar jene ab, die früher Hilfe von ihr erhalten hatten. Für Elisabeth stand diese Zurückweisung aber nicht unter einem schlechten Stern, sondern ergab sich für sie als Ultima Ratio aus der Armut, in der sie leben wollte.
Konrad wurde schließlich mit der Hilfe von Papst Gregor dem IX zum kirchlichen und rechtlichen Vormund der zwanzigjährigen Elisabeth samt kompletter Verfügungsgewalt über all ihre Angelegenheiten und dem Besitz. Er wollte Elisabeth vollkommen vom Einfluss ihrer Familie isolieren und trieb das Vorhaben geschickt voran. 1228 legte Elisabeth erneut ein Treuegelübte gegenüber Konrad ab und sagte sich im selben Atemzug von ihrer Familie und ihren Kindern los und versprach erneut bedingungslosen Gehorsam.

Kathedrale
Die Kirche ist ein dreigliedriger Chorbau aus Elisabethchor, Hohem Chor und Landgrafenchor. Im Bild ist der Hohe Chor (rechts) in dem sich der Hochaltar befindet und der Landgrafenchor (links) von außen zu sehen

Konrad konnte bei der Landgräflichen Familie schließlich erreichen, dass Elisabeth einige Ländereien bei Marburg zur lebenslangen Nutzung erhielt, außerdem bekam sie eine Entschädigungssumme von 2.000 Silbermark. So konnte 1228 damals noch vor den Toren Marburgs mit dem Bau eines Hospitals nahe der heutigen Elisabethkirche begonnen werden, das noch im selben Jahr die ersten Patienten aufnehmen konnte. Die letzten drei Jahre ihres Lebens verbrachte Elisabeth in Marburg an der Lahn. In dem von ihrem eigenem Witwenerbe errichteten Hospital verrichtete sie die niedrigsten Dienste als Magd. Und sie widmete sich der Pflege der Kranken, besonders den Leprakranken, welche im Mittelalter als die verlorensten der Verlorenen galten. In ihrer Marburger Zeit legte sie für ihre Zeitgenossen zahlreiche Zeugnisse ihrer aufopfernden und mitfühlenden Tätigkeit ab, die maßgeblich zu dem Bild beitrugen, dass wir heute über diese außergewöhnliche Frau haben. Das aus gegenwärtiger Sicht fanatische und sadistische Verhältnis, welches Konrad zu Elisabeth nach dem Tode von Ludwig aufgebaut hatte und bis zu ihrem Tode unterhielt, führte dazu, dass Konrad die Heiligsprechung von Elisabeht nach ihrem Tode alsbald vorantrieb und durch seine profunden Kontakte nach Rom erfolgreich in den Fokus rücken konnte. Die Heiligenverehrung im Mittelalter war Quelle hohen Reichtums für die Kirche. In den Jahren nach der Heiligsprechung der Elisabeth von Thüringen zogen ganze Pilgerströme aus Europa nach Marburg. Das Hospital musste schnell dazu herhalten, nach 1235 die ganzen Pilger unterzubrigen.
Landgräfin Elisabeth von Thüringen starb am 17. November 1231 in Marburg an der Lahn. Am 19. November 1231 wurde sie in der Kapelle des von ihr gegründeten Franziskushospitals beigesetzt. Im Jahre 1235 wurde sie heiliggesprochen.
Der Beichtvater Elisabeth’s, Konrad von Marburg, wurde am 30. Juli 1233 gemeinsam mit seinen Dienern im Ebsdorfer Grund, einige Kilometer südöstlich von Marburg gelegen, durch sechs Berittene aufgelauert und erschlagen. Daran beteiligt waren unter anderem Mitglieder des Adelsgeschlechtes von Dernbach.
Zu ihren Lebzeiten wurde Elisabeth zwiespältig wahrgenommen, unter ihrer adligen Verwandschaft galt sie als gestörte Irre. Konrad wurde von den weltlichen Herrschern nicht aufgehalten, da er durch sein Verhältnis zum Papst die Macht besaß, jeden, auch Adlige der Ketzerei anzuklagen und somit der Inquisition zuzuführen. Als Inquisitor konnte er Angeklagte direkt auf dem Scheiterhaufen hinrichten lassen. Im Volk hingegen war recht schnell bezüglich der Elisabeth ihr Wirken in Marburg in Erinnerung geblieben, welches ihre aufopfernde Hingabe, Mildtätigkeit und Güte gegenüber den Armen, Schwachen und Kranken hervorhob. Der Klerus lobte die Religosität der Elisabeth und vereinahmte ihr asketisches Leben für seine machtpolitischen Zwecke, besonders nach ihrem Tod und der anschließenden Heiligsprechung. Von dem daraus resultierenden Reliquiengeschäft ganz abgesehen. Der Ruf der „heiligen Elisabeth“ jedoch verbesserte sich innerhalb kurzer Zeit in der damaligen Gesellschaft, vor allem in den drei Jahren ihres Wirkens in Marburg und nach ihrem Tode. Die Reputation von Konrad war zu Lebzeiten hoch, weil sich viele vor ihm fürchteten. Doch nach seinem Ableben schwand sein Leumund dann sehr schnell. Sein Charakter gilt heute als negativ, Elisabeth’s Leben wird hingegen verklärt dargestellt.
Aufgrund ihres asketischen Lebens und ihrers aufopfernden, selbstlosen Wirkens, wird die heilige Elisabeth auch im Protestantismus bis in die Gegenwart hoch verhehrt und geachtet.

 

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