Der Lahnhof im Rothaargebirge

Lahnhof, Forsthaus

Im Bereich der höchsten Stelle der Eisenstraße, fußläufig von der Lahnquelle entfernt und in der Nähe des Jagdbergs bei Netphen, kann man in einem für den öffentlichen Verkehr gesperrten Teil noch sehr gut den ursprünglichen, wohl auf das Mittelalter zurückgehenden Straßenbelag aus frontal in den Boden eingelassenen Steinplatten sehen, welche zur Wegbefestigung dienten. Die historische Eisenstraße über den Rothaarkamm war Teil einer schon zu keltischer Zeit genutzten, mittelalterlichen Messestraße von Köln nach Leipzig (auch Brabanter Straße genannt, weil sie sich bis nach Antwerpen erstreckte). Namensgebend ist, dass über diese Verbindung schon vor über 2000 Jahren die Eisenwaren aus Dietzhölztal, Schelder Wald und Siegerland in die großen Städte und Handelszentren der Zeit transportiert wurden. Bis ins Hochmittelalter existierte ein reger Handel mit Roheisen und fertigen Produkten über die Eisenstraße (Helme, Waffen, Messer, Harnische, etc.). Teilweise kann man in deren Nähe keltische Ringwallanlagen finden, welche beweisen, dass schon zu vorrömischer Zeit die Eisenstraße in der Region ein bedeutender Verkehrsweg war. Solche Straßen verliefen entweder auf dem Bergkamm oder hangparallel, da man die oftmals versumpften Täler und steilen Bergaufstiege am Talende vermeiden wollte.
In der Karolingerzeit, also im 8. und 9. Jahrhundert, war der Lahnhof ein fränkischer Gutshof und fungierte wohl als Verpflegungsstation an der Eisenstraße. Auch vertreten Historiker die Ansicht, dass der Lahnhof mit großer Wahrscheinlichkeit der königliche Verwaltungshof des mittleren und nördlichen Siegerlandes gewesen ist und somit auch im Falle der Anwesenheit des Königs und seines Gefolges, oder aber auch eines hochgestellten Geistlichen, die Ernährungs- und Versorgungsbasis der hohen Reisenden darstellte. Insofern spielte er auch eine gewisse (strukturgebende) Rolle für die Besiedelung des Siegerlandes während der Herrschaft des Frankenreiches. Indem Kolonisten teils freiwillig, teils gezwungen eingesetzt wurden, um an geeigneten Stellen den Wald zu roden, war der heutige Lahnhof eine Art „Verwaltungshof“ für eine Anzahl der angrenzenden, im Zuge der Besiedelung neu entstehenden Kolonistendörfern. In einer Urkunde vom 28. März 1336 ist dokumentiert, dass sich zu jenem Zeitpunkt die Grafen Otto von Nassau und Siegfried von Wittgenstein, der Domprobst Heinrich von Speyer und siegerländische Adlige im Lahnhof trafen, um Landespolitik zu betreiben. Vermutlich reisten die hohen Herren mit zahlreichen Bediensteten, Pferden und Wagen an und es ist anzunehmen, dass die Wahl auf den Lahnhof fiel, weil er zur damaligen Zeit verkehrsgünstig gelegen und angemessen ausgestattet war, was auf eine gewisse Größe schließen lässt. Die Bedeutung der Behausung zu jener Zeit leitet sich aus der historischen Begebenheit ab.
Der Lahnhof wurde gegen Ende des 16. Jahrhunderts ein gräflicher Wirtschaftshof mit zahlreichen Wiesen, im frühen 19. Jahrhundert wurde dieser dann aber nach Nenkersdorf eingemeindet. Der alte Lahnhof, inzwischen eine Försterei und daher auch „Forsthaus Lahnhof“ genannt, wurde um 1820 abgebrochen und einige Jahre später durch ein zweistöckiges Forsthaus mit Wirtschaftsgebäuden neu aufgebaut. Man glaubte zu dieser Zeit übrigens, dass in dem Keller des alten Forsthauses die Lahn entspringen würde, daher war man bei dem Neubau vermutlich darauf bedacht, den alten Keller zu erhalten. Tatsächlich entspringt die Lahn allerdings ganz in der Nähe des Lahnhofes – inmitten einer auch noch heute sehr ursprünglichen Natur.

Siegen Lahnhof Reinermann.jpg
Der Lahnhof mit Lahnquelle (rechts abgebildet). Stich von Christian Reinermann (1764–1835) – Wilhelm Güthling (Hrsg.): Siegerland – Blätter des Siegerländer Heimatvereins e. V., Band 36, Heft 2. Selbstverlag, Siegen 1959, Gemeinfrei, Link

Von der Königlichen Regierung in Arnsberg erhielt das Forsthaus im Jahre 1882, aufgrund zahlreicher Eingaben und Wünschen aus der Bevölkerung, die Konzession zur Führung einer Gaststätte. Aus dem alten Forsthaus hat sich in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts der heute bekannte Gasthof mit dem Namen „Forsthaus Lahnquelle“ entwickelt. Bei schönem Wetter lassen eine hervorragende Aussicht und die herrliche Landschaft den Lahnhof schon seit über 100 Jahren zu einem beliebten Ausflugsziel für Wanderer und Ausflügler werden. Neben der Eisenstraße führt auch der Rothaarsteig und der Europäische Fernwanderweg E1 durch Lahnhof und an dem Forsthaus Lahnquelle vorbei.
Unterhalb des Forsthauses hat man einige Quellen aus der direkten Umgebung irgendwann zusammengefasst in einem Teich, um so die Quelle der Lahn symbolisch zu manifestieren. Wie schon dargestellt, lässt sich die „eigentliche“ Lahnquelle nicht ausfindig machen, da die Lahn erst aus ihrem Weg in die nordöstliche Richtung des Rothaargebirges und später sich dem Westen zugewandt, Richtung Rhein fließend zur eigentlichen Lahn verwandelt, dem Strom, der schließlich in heutiger Zeit eine Bundeswasserstraße darstellt. Eines der ersten Gewässer, das sich mit der Lahn verbindet, ist die in der Nachbarschaft entspringende Ilse. Und wenn die entstehende, werdende Lahn nur gedacht und begriffen werden kann mit ihrem vollständigen Einzugsgebiet und in der Gesamtheit der ihr zuströmenden Gewässer, ist die Lahn schließlich ein definiertes Fließgewässer mit Quelle und Mündung. Schon während ihrer „Geburt“ und ihres „Werdens“. umgibt sich die Lahn mit der Aura des Außergewöhnlichen, denn einen definierbaren, natürlichen Quellpunkt besitzt sie nicht.

1 Kommentar

  1. Ich liebe genauso Ausflüge in Hessen…

    An der Lahnquelle habe ich mit meinen Eltern schon übernachtet. Hier endete unsere Rothaarsteigwanderung von Brilon aus über Winterberg…Willingen…Lützel und, und, und.

    Gruß Martin Klenner

    PS: Ich studiere in Gießen Erziehungswissenschaften im Master und reise viel mit meinem Semester-Ticket durch ganz Hessen.

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